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Gespräch mit Günter Gutjahr

SENSIBILISIERUNG FÜR DEN AUGENBLICK

Alois Kölbl im Gespräch mit dem Künstler Günter Gutjahr (28. FEB 2007)

Seit Jahren verfolgst du konsequent ein stringentes künstlerisches Konzept. Wie bist du dazu gekommen?

Dieses Konzept hat sich aus einem mehrjährigen Prozess ergeben, ausgehend von meiner damaligen gegenständlichen Malerei. Schon im Jahre 1998 hatte ich die Absicht, Religion zu thematisieren und einzubringen. So habe ich begonnen, in diese gegenständlichen Bilder Gebetstexturen bzw. Texturen religiösen Inhalts einfließen zu lassen, zunächst nur partiell und dann über die gesamte Bildfläche. Im Laufe der Zeit hat sich diese Textur immer mehr Raum/Dominanz verschafft, bis sie schließlich das gesamte Bild bedeckt hat. Mit den Jahren ist der Gegenstand an sich immer mehr in den Hintergrund gerückt und von der Gebetsrepetition buchstäblich ausgelöscht worden.

Hast du dich von Anfang an für das Rosenkranzgebet interessiert?

Nein, anfangs waren es beispielsweise Passagen aus dem alten Testament, auch außerchristliche Gebete. Mein Problem hierbei war: welches Gebet bzw. welchen religiösen Inhalt soll ich wählen? Sobald man sich für eines entschieden hat, schließt man damit das andere aus. Die Thematisierung von Religion in der Kunst ist also immer ein Problem; deswegen versucht man das Missverständnis zu vermeiden, dass ein Künstler einen speziellen religiösen Inhalt bevorzugt und damit andere Inhalte bzw. Religionen ausschließt.

Das Rosenkranzgebet ist ja nicht unbedingt ein zeitgeistiger Gebetstext. Warum hast du dich für diese Art des Gebets entschieden?

Das kommt daher, dass es sich hierbei um ein Gebet handelt, das mir sehr vertraut ist, da ich es selbst oft gesprochen habe.

Du würdest dich selbst als religiösen Menschen bezeichnen?

Ja, durchaus.

Wie sind die Reaktionen der Menschen auf dein doch nicht ganz leicht zugängliches Werk?

Ich habe den Eindruck, dass man mich meistens missversteht, insofern, als man glaubt, ich möchte in erster Linie religiöse Inhalte transportieren. Dieses Missverständnis muss leider immer wieder verbal beseitigt werden, eine andere Möglichkeit sehe ich nicht.

Du bist ein religiöser Mensch und hast in deinem Werk einen ganz konkreten religiösen Inhalt, willst jedoch nichts Religiöses transportieren. Wie siehst du deine Kunst im konkreten gesellschaftlichen Kontext?

Ich denke, dass ich in erster Linie die Repetition des Gebets in den Vordergrund stellen möchte, aber auch die Tatsache, dass es regelrecht fließt, da es weder Anfang noch Ende hat. Der Gebetsinhalt selbst ist sekundär. Im Übrigen will ich mich ja nicht darauf festlegen, quasi ad infinitum nur das Gebet zu malen. Dies alles ist nämlich aus einem Prozess heraus entstanden, der - gemäß meinem künstlerischen Urteil – die Reduktion bzw. Auslöschung des Gegenständlichen zur Folge hatte.

Der polnische Künstler Roman Opalka verfolgt einen ähnlichen künstlerischen Ansatz wie du. Bei deiner Kunst gibt es einen Anfang und ein mögliches Ende; bei ihm gibt es einen Anfang und das Ende erst dann, wenn es weiß auf weiß ist, oder das Ende kommt mit seinem Tod. Opalka schreibt seit 1965 Zahlen auf seine Leinwände und hat sich selbst einmal als „Anti-Sisyphus“ bezeichnet, weil er den Malakt als etwas Befreiendes sieht. Erlebst du deine Kunst ähnlich?

Ich würde in diesem Zusammenhang weder von Gebundenheit, noch von Befreiung sprechen, sondern es geht darum, den Moment der Entstehung eines Bildes bewusst wahrzunehmen, quasi als Beobachter des gerade entstehenden Werkes.

Also so etwas wie eine Augenblickskunst?

Es handelt sich eher um eine analytische Angelegenheit, insofern als ich alles aussieben möchte, was die – im Augenblick stattfindende – Wirklichkeit beeinflussen könnte.

Wie sollen die BetrachterInnen deiner Meinung nach auf dein Werk reagieren?

Idealerweise sollten sie dasselbe erfahren, was ich während des Malprozesses erlebe. Damit meine ich, dass sie sich – genauso wie ich – des gegenwärtigen Moments bewusst werden und begreifen, dass dieser Moment und damit auch das Bewusstsein um diesen Moment unbezweifelbar ist. Sie sollten auch verstehen, dass dieses Bewusstsein nicht von irgendwelchen Vorstellungen, Gedanken oder Gefühlen tangiert wird und es eigentlich das einzig Unbezweifelbare darstellt, was der Mensch meiner Meinung nach vorfindet und immer vorfinden wird. Der Betrachter sollte also im Idealfall für die Wirklichkeit sensibilisiert werden.

Mit dem monumentalen Fastentuch in der Leechkirche machst du zum ersten Mal eine Installation in einem Sakralraum. Verändert sich dein Werk dadurch? Bist du zufrieden mit dem Kontext?

Es war für mich natürlich schon interessant, meine Malerei in diesem räumlichen Rahmen der Leechkirche zu sehen. Damit meine ich die Wechselwirkung mit der räumlichen Gegebenheit, und zwar außerhalb der gewöhnlichen Ausstellungsorte, in diesem Fall die Verbindung mit einem sakralen Raum, der selbstverständlich wiederum seinen Einfluss auf das Bild ausüben wird.

Welchen Einfluss erwartest du dir?

Die religiöse Komponente meiner Malerei wird dadurch mehr betont. Ich glaube, dass diese Komponente in einem weltlichen Ausstellungsraum nicht so gut wahrgenommen werden kann.

Vor diesem Fastentuch in der Leechkirche wird der Rosenkranz auch gebetet werden. Ist das für dich etwas Positives?

Ich denke, das wird vor allem auf die Betenden positive Auswirkungen haben. Ich finde es gut, dass der Rosenkranz auch tatsächlich gebetet wird und sich dieses Gebet, das sich in meiner Malerei in einem endlosen Fluss wiederholt, auch gleichzeitig in den anwesenden Gläubigen wiederholt.

Ich sehe in der Leechkirche vor allem zwei Bezugspunkte: zum einen den barocken Altar in seiner pathetischen barocken Dramaturgie, zum anderen den sehr verhaltenen, aber trotzdem dominanten Altarstein von Karl Prantl. Diese beiden Kontexte bzw. Bezugspunkte laden dein Werk auf sehr spezifische Weise auf. Wie siehst du dich zwischen diesen beiden Positionen?

Der Hochaltar ist ja zurzeit verhüllt, wodurch der Volksaltar mehr zur Geltung kommt und mit dem Fastentuch korrespondiert. Ich persönlich finde jedoch, dass der Volksaltar zum barocken Altar eher weniger Bezug hat. Das Reduktive im Altar von Karl Prantl ist durch das Fastentuch momentan vielleicht besser hervorgehoben.

Religion und Kunst stehen schon seit vielen Jahren in einem schwierigen Dialog. Glaubst du als ein Künstler, der sich selbst als religiös empfindet und der sich in seinem Werk auf Religiöses bezieht, dass sich Religion und Kunst gegenseitig befruchten können? Wie erlebst du eigentlich den Dialog zwischen Kunst und Kirche?

Das Grundproblem besteht darin, dass es der Kirche in erster Linie darum geht, religiöse Inhalte zu transportieren, was der zeitgenössische Künstler natürlich vermeiden will. Religiöse Inhalte haben einen gewissen Wahrheitsanspruch. Wenn man das nun thematisiert, dann verlangt man vom Betrachter letztlich, dass er diesen Wahrheitsanspruch akzeptiert, sonst hat das Werk auf inhaltlicher Ebene keinen Sinn. Genau das will der zeitgenössische Künstler vermeiden, weil er sich damit eigentlich festgelegt hätte und dadurch auch alle anderen religiösen Inhalte ausgeschlossen werden, unabhängig davon, ob dies nun ausgesprochen ist oder nicht. Die Kirche wird eher jene Kunst befürworten, die religiöse Inhalte unterstützt, als eine Kunst, die sich sehr kritisch, zum Teil auch sehr drastisch mit Religion auseinandersetzt. Es handelt sich hier also um eine Gratwanderung: einerseits die Sichtweise der Kirche, andererseits der Künstler, der sich dagegen wehrt, vereinnahmt zu werden. Die Thematisierung von Religion in der Kunst ist meiner Meinung nach aus den genannten Gründen also immer ein Problem, da das Missverständnis im Betrachter praktisch vorprogrammiert ist und nur noch verbal bereinigt werden kann. Das Problem taucht schon in jenem Moment auf, in dem ich irgendeinen religiösen Inhalt thematisiere und in Form eines Bildes zum Ausdruck bringe. Habe ich in meinem Werk jedoch keinen religiösen Inhalt, so kann ich es klarerweise auch nicht mit Religion in Verbindung bringen. Sind von der zeitgenössischen Kunst spirituelle Impulse zu erwarten? Ist es überhaupt ihre Aufgabe, das zu leisten? Könnte möglicherweise die Kunst die institutionalisierte Religion sogar beerben? Das glaube ich nicht. Von der Kunst sind weder spirituelle Impulse zu erwarten, noch kann sie Religion in irgendeiner Weise ersetzen. Kunst wirkt in einem ganz anderen Bereich und hat eine ganz andere Aufgabe. Kunst hat sich meiner Meinung nach mit der Wirklichkeit bzw. den verschiedenen Wirklichkeiten auseinanderzusetzen und zwar vollkommen unabhängig von Religion.

Man spricht aber doch immer wieder von einer Spiritualität auch und gerade in der zeitgenössischen, abstrakten Kunst. Müsste man also von zwei unterschiedlichen Spiritualitäten sprechen: von einer religiösen und einer, die offensichtlich etwas anderes darstellt?

Ich kenne nur religiöse Spiritualität, ich wüsste nicht, welche Spiritualität es sonst noch geben sollte.

Du würdest diesen Terminus für die Kunst also nicht akzeptieren?

Nein.

Könntest du dir vorstellen, ein Altarbild für eine Kirche zu malen?

(Lacht.) Na ja, da geht es natürlich um die Frage der Inhalte, und da sind wir dann wieder in dieser Falle drinnen. Es ist immer dasselbe Problem: sobald ein religiöser Inhalt auftaucht, verlange ich ja vom Betrachter, dass er diesen Inhalt im Sinne des Wahrheitsanspruchs akzeptiert, sonst kann das Bild für ihn inhaltlich nicht funktionieren. Wenn kein Inhalt da ist, würde ich diese Kunst nicht als religiös bezeichnen, obwohl es natürlich Künstler gibt, die das trotzdem tun. Dies halte ich jedoch für nicht legitim.

Und wenn man dir keinen Inhalt vorgäbe?

Natürlich würde ich es dann machen. (Lacht.) Obwohl ich mich damit auf eine Gratwanderung begäbe, eine Gratwanderung, die das eigentliche Problem meiner Arbeit ist. Der Prozess, der dieses Problem in der jetzigen Weise gelöst bzw. nicht gelöst hat, hat immerhin einige Jahre gedauert. Die Einschränkung ist ja nach wie vor vorhanden. Wie schon gesagt: wenn es nötig ist, Missverständnisse zu bereinigen, indem man Erklärungen hinzufügt, schränkt mich das ein und kann mich daher künstlerisch nicht zufrieden stellen.

Mit dem Hineingehen in den Sakralraum und der gleichzeitigen Monumentalisierung hat dein Werk einen wichtigen Knotenpunkt in der Entwicklung erreicht. Siehst du schon weitere Entwicklungsperspektiven, oder lässt du diese Entwicklung eher auf dich zukommen?

Meine Arbeit ist rein gegenwartsbezogen, also nicht zukunftsorientiert. Da ich kein Prophet bin, weiß ich nicht, was auf mich zukommt. Ich sehe mich nicht als Entscheidungsträger, der darüber zu bestimmen hat, wie es mit meiner Arbeit weitergehen wird. Im Übrigen glaube ich, dass dies auch für alle anderen Künstler gilt, ob sie sich nun dessen bewusst sind, oder nicht. Meiner Meinung nach erhebt sich die Frage, ob der Künstler wirklich derjenige ist, der vorgibt, wie es in Zukunft weitergehen muss, oder ob es nicht allein sein künstlerisches Urteil ist, das die Richtung vorgibt. Und auf sein Urteil hat er letztlich keinen Einfluss.




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